Zur Absage der PHANTASTIKA 2018


Im Gespräch mit Mike Hillenbrand

Autor: Markus Gehde

Corona Magazine: Hallo Mike, das war heute kein verspäteter Aprilscherz, oder? Ihr sagt die PHANTASTIKA 2018 tatsächlich ab? Warum?

Mike Hillenbrand: Hallo Markus, ja, das stimmt leider. Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, aber ich musste eine fällen, und es war diese.

CM: Lief denn die Vorbereitung so schlecht? 2017 war das CongressCentrum ja voll, und zumindest der Samstag war richtig gut besucht, wenn ich das korrekt mitbekommen habe.

MH: Die Vorbereitung lief überhaupt nicht schlecht, im Gegenteil. Wir hatten im vergangenen Jahr deutlich über 2.000 Besucher, und wäre der Sonntag im Vergleich zum Samstag nicht so abgefallen, wären es auch über 3.000 gewesen. Die meisten Besucher, viele Aussteller und alle Gäste waren angetan von unserer Leistung, auch wenn wir alle natürlich wissen, dass – wie heißt es? – »Luft nach oben« in vielen Bereichen war.

CM: Warum sagt ihr 2018 dann ab?

MH: Es hat nichts mit meiner Redefreudigkeit zu tun, dass ich das nicht in einem Satz beantworten kann, es ist tatsächlich komplizierter. So kurz wie möglich: Wir haben nach dem Beweis, dass die PHANTASTIKA funktioniert, für dieses Jahr neue Partner gewinnen können. Beispielsweise hätte der Sender SYFY Programmpunkte gefeatured, und wir hatten Werbung auf all seinen Kanälen abgesprochen. Lokale Partner, neue Gäste und schlicht größere Attraktionen sind hinzugekommen, was toll ist, aber auch zu logistischen Problemen geführt hat. Diese neuen Partner hatten auch Ansprüche, die wir hätten erfüllen müssen – machbar, aber in mehr als eine Richtung kompliziert.

CM: Verstehe ich ehrlich gesagt nicht.

MH: Zunächst einmal muss man bedenken, weshalb wir die PHANTASTIKA gemacht haben. Ich komme ja von den Büchern. Es gibt so viele tolle Geschichten, Träume und Welten, die von talentierten Autorinnen und Autoren geschrieben werden, aber die wenig Chancen haben, außerhalb der Blase wahrgenommen zu werden. Das wollten wir ändern. Mit Kostümen, Schauspielern, Spielen, Technik und allem, was die Phantastik noch zu bieten hat, sollte die phantastische Literatur einem größeren Publikum vorgestellt werden. Dass die Literatur der Schwerpunkt der PHANTASTIKA ist, hat man im letzten Jahr nicht nur an der Gästeliste gesehen, die sich hauptsächlich aus guten und prominenten Autoren zusammengesetzt hat, sondern auch an den Programmpunkten und natürlich der Verleihung des Deutschen Phantastik Preis – einem Publikumspreis für phantastische Literatur.

CM: Das hat doch auch funktioniert?

MH: Im Großen und Ganzen ja. Aber die Programmpunkte und Aussteller hätten sich in diesem Jahr dennoch vom Schwerpunkt Literatur auch auf andere Schwerpunkte verlagert: Merchandise, Film, TV, Spiele etc. – das war eine Art organisches Wachstum, bei dem wir immer die ursprüngliche Vision im Blick behalten wollten.

CM: Also wollt ihr nicht in Richtung Comic Con gehen?

MH: Nein, das wollten wir ja nie sein. Damit haben wir sogar letztes Jahr Werbung gemacht. Bei uns gab es alle Autogramme kostenlos, nur Programmpunkte, bei denen Materialkosten anfielen, mussten zum Selbstkostenpreis gebucht werden, und alle Gäste gab es zum Anfassen. Wir hatten ja bewusst keine langen Reihen von Merchandise-Ständen, sondern alles von allem und natürlich in viel kleinerem Maßstab. Das CCO ist keine Messehalle, sondern deutlich kleiner, aber für unser Konzept mit all seinen unterschiedlich großen Räumen und Sälen hervorragend geeignet – außerdem haben die ein Team, das man sich wirklich als Partner wünscht.

CM: Und worin lag dann genau die Problematik für 2018?

MH: Wir mussten den Spagat schaffen und das Beste beider Welten in unserer Vision vereinen. So haben wir bereits an günstigeren Konditionen für Kleinverlage gearbeitet, um den Schwerpunkt Literatur noch gebührend präsentieren zu können. Das hätten wir auch sicher gut hinbekommen, wenn dann nicht noch ein paar Dinge dazugekommen wären. Im letzten Jahr haben wir viel mit ehrenamtlichen und/oder freien Mitarbeitern in der Orga gearbeitet und Arbeitspakete geschnürt. Im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, dass viele der freien Mitarbeiter ihre Zusagen einfach nicht eingehalten haben und wir mussten – ob nun auf ehrenamtlicher Basis oder im Verlag – mit einer anhaltenden Peak Performance diese Ausfälle kompensieren. Das war eine Riesenarbeit mit nächtelangem Schuften, und ich bin echt stolz auf uns, dass wir das trotzdem hinbekommen haben. Dennoch musste ich mir hinterher vereinzelt anhören, ich würde meine Mitarbeiter ausbeuten, was zwar eine nichtqualifizierte Äußerung ist, aber nichtsdestotrotz unterstreicht, wie anstrengend diese Peak Performance für alle war. Es war schon im vergangenen September klar, dass wir das nicht mehr wollten. Also habe ich noch zwei Mitarbeiter im Verlag eingestellt, die sich um die PHANTASTIKA kümmern sollten. Und dann … ja, dann kam die Grippewelle.

CM: Du hörst dich auch gerade nicht so gut an.

MH: Meine Stimme ist hier völlig zweitrangig, mir haben in meinen beiden Firmen über mehrere Wochen lang 50 % aller Mitarbeiter gefehlt. Eine Vollzeitkraft über 10 Wochen lang. Das ist bei so einem kleinen Laden wie unserem extrem schwierig, denn wir haben ja auch andere Projekte außerhalb der PHANTASTIKA, mit denen wir tatsächlich sogar Geld verdienen, um die Gehälter zu bezahlen.

CM: Also hattet ihr eine neue Ausrichtung mit neuen Anforderungen, aber keine Mitarbeiter mehr?

MH: Wir haben eine Reihe von ehrenamtlichen Mitarbeitern, die sich ein Bein ausreißen. Die großartige Pia Fauerbach, die Gruppe um Melanie Schneider und Grit Richter und viele weitere, die ich hier nicht alle nennen kann, aber es lief halt in die gleiche Richtung wie im letzten Jahr. Viel Arbeit, neue Herausforderungen, zu wenig Mitarbeiter dafür – das hätte so viel mehr Arbeit für den Einzelnen bedeutet, dass ich das nicht guten Gewissens hätte rechtfertigen können.

CM: Wäre eine PHANTASTIKA 2018 die Mühe nicht wert gewesen?

MH: Ideell auf jeden Fall. Hinter der PHANTASTIKA steht ja eine Vision und kein kaufmännisches Kalkül. Wie viele vermutet haben, hat sich der Aufwand, den wir letztes Jahr betrieben haben, finanziell nicht rentiert. Aber die schwarze Null mit Auftrieb nach oben wäre dieses Jahr wohl drin gewesen. Nur kann ich für dieses wäre, hätte, könnte nicht auf Projekte verzichten, die den Lebensunterhalt meiner Mitarbeiter finanzieren.

CM: Jetzt werden viele enttäuscht sein.

MH: Nicht so sehr wie wir. Wenn ich allein sehe, wie sehr sich Björn Sülter im letzten halben Jahr in die Orga reingehängt und welche Partner und Gäste er akquiriert hat, dann wünsche ich mir, er wäre letztes Jahr schon dabei gewesen. All diese Arbeit ist jetzt erstmal für das große X gewesen, aber hoffentlich nicht umsonst.

CM: Dir ist klar, dass es jetzt Stimmen in der Szene geben wird, die von deinem persönlichen Scheitern sprechen werden?

MH: Wenn es weiter nichts ist, sollen sie. Ich kann sie ja eh nicht dran hindern. Glücklicherweise kratzt es mich nicht, zumal ich es auch völlig anders sehe. Ich liebe die Phantastik und hier vor allem die Literatur. Seit beinahe zwanzig Jahren gebe ich das kostenlose Corona Magazine heraus, ich habe mit dem Verlag in Farbe und Bunt ein Kleinod geschaffen, das talentierten Autorinnen und Autoren die Möglichkeit gibt, ihre Herzblutprojekte zu veröffentlichen, ich unterstütze die Fanszene seit ewiger Zeit und verstehe mich als Teil von ihr. Aber vor zwanzig Jahren war ich Mitte Zwanzig, und seitdem kommen nicht so viele jüngere Gesichter nach. Egal, ob in Dortmund, Köln, Marburg, Dreieich oder wo auch immer: Die phantastische Szene braucht frisches und jüngeres Blut – und die PHANTASTIKA ist mein Beitrag – unser Beitrag – zu dieser Sache, Menschen über die Blase hinaus anzusprechen. Gleichzeitig bin ich Vater, Arbeitgeber und habe ein Leben – ich bin nicht bereit, alles für diese Art Vision aufs Spiel zu setzen.

CM: Wie geht es weiter? War es das mit der PHANTASTIKA?

MH: Nein, nur für 2018. 2019 ist ein neues Jahr und wir müssen sehen, dass wir alles in die Richtung lenken können, die wir uns auch vorstellen. Ich will mit der PHANTASTIKA gar kein horrendes Geld verdienen, aber natürlich soll sie mich auf Dauer nichts kosten. Die Literatur ist für mich der wichtige Schwerpunkt, und wir müssen es so deichseln, dass wir dem Rechnung tragen.

CM: Derzeit läuft die Abstimmung zum Deutschen Phantastik Preis – wird die jetzt auch gestoppt?

MH: Um Himmels Willen, nein. Den DPP wird es auch in diesem Jahr geben und wir hoffen, dass wir auch eine Verleihung hinbekommen. Der Witz ist ja, dass wir für die Verleihung bereits einen Namenssponsor sowie mehrere Kategoriensponsoren gehabt haben und im letzten Jahr deutlich über 600 Gäste bei der Verleihung waren – und ich halte den DPP auch für zu wichtig, um ihn abzusagen. Wie, wo und ob es jetzt eine Verleihung geben wird, müssen wir aber natürlich mit der Redaktion von phantastik-news.de besprechen und dann wird das jemand bekannt machen. Bald. :-)

CM: Ich danke dir für das Gespräch, Mike. Mir hat es im letzten Jahr in Oberhausen viel Spaß gemacht und ich finde es wirklich schade, dass es sich in diesem Jahr nicht wiederholen wird.

MH: Markus, es tut mir auch in der Seele weh. Ganz echt und wirklich.

CM: Gibt es abschließend noch etwas, was du loswerden magst?

MH: Vielleicht nur das: Ich halte die PHANTASTIKA wirklich für eine Möglichkeit, mit dem Genre neue Zielgruppen zu erreichen und wer das auch so sieht, ist herzlich eingeladen, sich im Jahr 2019 mit einzubringen. Das – großartige – Team hinter dem DORT.con zum Beispiel stellt seine jahrzehntelange Arbeit nun ein, was ich so megaschade finde. Ich würde die PHANTASTIKA gerne wie alle Genre-Projekte in einem großen und zuverlässigen Team realisieren und wer sich von unserer Vision angesprochen fühlt, kann sich wirklich gerne bei uns unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! melden.
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